Samstag, 31. Juli 2010

Die Presselandschaft im Spiegel ihrer Seriosität

Der Beitrag des Kollegen Siebers zur Debatte über die Seriosität von Jurablogs hat mich veranlasst, die übrige Presselandschaft einmal auszugsweise auf Ihre Seriosität hin zu untersuchen. Dabei setzt sich Seriosität zusammen aus den Komponenten Stil, Inhalt und wissenschaftliche Relevanz.

Hier ist das Ergebnis - unparteiisch, unbestechlich und absolut seriös, ermittelt von mir selbst:

BILD
Stil: mangelhaft, Inhalt: ausreichend, wissenschaftliche Relevanz: ungenügend; gesamt: mangelhaft; Empfehlung: nicht lesen

Neue Juristische Wochenschrift:
Stil: mangelhaft; Inhalt: ausreichend, wissenschaftliche Relevanz: befriedigend; gesamt: ausreichend; Empfehlung: Nur lesen, wenn man sich sowieso langweilt

Der Spiegel:
Stil: befriedigend; Inhalt: gut, wissenschaftliche Relevanz: ungenügend; gesamt: ausreichend;
Empfehlung: Nur außerhalb juristischer Bibliotheken lesen

Frankfurter Allgemeine Zeitung:
Stil: befriedigend; Inhalt: gut; wissenschaftliche Relevanz: mangelhaft; gesamt: befriedigend; Empfehlung: unbedingt kaufen, eignet sich wegen des Umfangs auch dazu, selbst größere Schadnager totzuschlagen

St. Pauli Nachrichten:
Stil: befriedigend; Inhalt: befriedigend, wissenschaftliche Relevanz: befriedigend (wegen der vielen Selbstversuche); gesamt: gut;
Empfehlung: schon wegen der Bilder unbedingt lesenswert!

Psychologie heute:
Stil: siehe Der Spiegel; Inhalt: siehe St. Pauli Nachrichten, wissenschaftliche Relevanz: siehe Frankfurter Zeitung; gesamt: siehe Der Spiegel, mit der Maßgabe, außerhalb jeglicher Bibliothek zu lesen; Empfehlung: Nur lesen, wenn man sich sowieso gerade elend fühlt.

So, jetzt ist aber genug gelesen, jetzt muss ich arbeiten!



Freitag, 30. Juli 2010

Winke winke aus dem Mikrokosmos

Dieser Beitrag ist dem Kartellblog gewidmet, der sich bedauerlicherweise aus Jurablogs verabschiedet hat. Ich habe dem Kartellblog sogleich meine Gefolgschaft auf Twitter angetragen und hoffe, so trotzdem auch in dieser Hinsicht auf dem Laufenden zu bleiben. Die Motive für den Abgang sind dann aber vielleicht doch einen Kommentar von dieser Seite aus wert.

Wie wir wissen, sind die Geschmäcker unterschiedlich und das ist gut so. Ich konsultiere Juragblog auch fast täglich, orientiere mich fast ausschließlich an den Überschriften und gerate dabei erstaunlicherweise fast immer auf dieselben fünf oder sechs Blogs. Das muss an der Art der Überschriften liegen. Anderen gefallen hoffentlich andere Überschriften. Sonst wäre die hier zu findende Vielfalt vergebens.

Was mir aber partout nicht einleuchten will ist, wie einige Menschen diese Vielfalt als negativ empfinden können. Wenn der Betreiber des Kartellblogs von einem Mandanten angesprochen wird, wo er "denn da hineingeraten" sei, dann kann ich seine Entscheidung nachvollziehen. Traurig, aber von nachvollziehbaren Prioritäten geleitet. Die Auffassung des Mandanten kann ich da schon sehr viel weniger nachvollziehen: Mag er sich doch daran ergötzen, dass SEIN Rechtsanwalt wie ein Turm aus der Schlacht ragt.

Noch weniger verstehen kann ich aber die unter den Kommentaren zu findenden Rufe nach einer Zensur, genannt Auswahl. Die Selektion sollten wir dann doch lieber der Evolution und dem Nationaltrainer überlassen. Andernorts hat man nur schlechte Erfahrungen damit gemacht. Weil man sich nämlich erst einmal darauf einigen müsste, nach welchen Kriterien ausgewählt werden soll.

Und dieses Kriterien verstehen sich mitnichten von selbst, auch wenn einige Kommentatoren das zu glauben scheinen. Hier möge sich insbesondere ein Kommentator im Abschiedsbeitrag des Kartellblogs angesprochen fühlen, der sich "Meister" nennt. Jeder mag seine Lektüre danach wählen, was ihm "Mehrwert" bringt - auch ich kenne Blogs, die mir keinerlei Mehr- oder sonstigen Wert bringen. Die lese ich manchmal trotzdem, um zu überprüfen, ob ich mich vielleicht geirrt haben könnte. Wenn man sich für einen kompletten Mikrokosmos nicht interessiert, bitte: Es gibt doch genug andere.

Die Einführung einer Geschmackspolizei mit einem durchsetzungsstarken An-Führer erscheint mir hingegen dem Gedanken des Netzes eher diametral entgegengesetzt zu sein.


Donnerstag, 29. Juli 2010

Auf dem Weg zum Freispruch?

Jetzt ist der Frosch aus dem Glas: Das OLG Karlsruhe hat der Haftbeschwerde gegen Jörg Kachelmann stattgegeben und die sofortige Freilassung angeordnet. Zur entsprechenden Pressemitteilung geht es hier.

Erstaunlich ist die Begründung: Das Beschwerdegericht hat sich mit dem Haftgrund der Fluchtgefahr überhaupt nicht auseinandergesetzt, sondern nur den dringenden Tatverdacht geprüft und verneint. Das ist außergewöhnlich und bedeutet dem Tatgericht unmissverständlich, dass es an eine Würdigung der (einzigen) belastenden Zeugenaussage allerhöchste Maßstäbe wird ansetzen müssen. Das ist zwar kein Präjudiz für die Hauptverhandlung, aber ein deutlicher Fingerzeig, wohin der Hase läuft. Eine revisionssichere Verurteilung ist mit so einem Verdikt im Vorfeld kaum mehr denkbar.

Und der Angeklagte darf als freier Mann den Gerichtssaal betreten, was rein psychologisch ein unschätzbarer Vorteil ist.

Die Staatsanwaltschaft hat im Vorfeld eines von ihr weit jenseits des Angemessenen gehegten Verfahrens eine herbe Niederlage eingesteckt. Der viel gescholtene Verteidiger - der zwischenzeitlich in der BILD-Zeitung lesen musste, ob er der richtige Verteidiger sei - hat im Nachhinein alles richtig gemacht.

Chapeau, Herr Kollege!

Mittwoch, 28. Juli 2010

Warum die Blog-Kultur vielleicht noch keine ist

Der Kollege Neldner ist der Auffassung, es gebe zu wenig juristische blogs.

Kollege Krieg hat zuvor mit fünf Thesen provozieren wollen, die zusammengefasst darauf hinauslaufen, dass es kaum Blogs mit wissenschaftlicher Relevanz gebe. Mit seiner These, dass Großkanzleien sich auf diesem Gebiet kaum engagierten, betreibt er ansatzweise Ursachenforschung; seine weitere These, dass Blogs nicht zum gesellschaftlichen Diskurs beitrügen, stellt dagegen eine Art Folgenabschätzung dar.

Zumindest mit seiner Ursachenforschung bin ich nicht einverstanden. Mir ist nicht klar, warum bloggende Großkanzleien zu einer Veränderung der Situation beitragen sollten, zumal der Kollege selbst als weiteres Manko aufzählt, dass bei den existierenden Blogs die "Marketingveranstaltungen" überwögen. Dieses Problem dürfte sich bei Teilnahme von Großkanzleien eher verschärfen. Dass Großkanzleien sich hingegen in eine politische Diskussion einmischen, dürfte kaum zu erwarten sein, solange dies nicht seinerseits eine Werbewirkung entfaltet.

Der Tenor des vielzitierten Artikels in der FAZ scheint mir da eher in die Irre zu führen: Die dort vermisste Verfassungsdebatte führen in den USA z. B. Supreme-Court-Anwälte; einige davon bedienen sich hierzu auch eines blogs. Jeder macht halt Rechtspolitik dort, wo es ihn betrifft.

Es sind hierzulande und zur Zeit gerade die Einzelanwälte, die Blogs als Plattform nutzen, um einen - wenn auch bescheidenen - gesellschaftlichen Diskus zu starten. Zumindest verstehe ich meinen eigenen Blog so und weiß von etlichen Kollegen, die dies ähnlich sehen. Allein die Reaktion ist bemerkenswert. Liest man beispielsweise in dem in mancher Sicht herausragenden Blog des Kollegen Vetter die Kommentare, dann schwant mir etwas anderes:

Nicht den Bloggern fehlt es an Diskurskultur, sondern anscheinend dem Netzvolk an sich. Selbst bei großartiger Aufbereitung einzelner Themen - außerhalb einer reinen Fachdiskussion - erreicht kaum ein dort zu lesender Kommentar die Mindestanforderungen an eine akzeptable Gesprächskultur. Es herrschen rüde Beleidigungen und unsachliches Gepöbel vor, wohlgemerkt: Einige wenige hochwertige Beiträge gibt es auch unter den Kommentaren, aber die sind deutlich in der Minderzahl. Das beginnt damit, dass selbst offenkundig als Richter oder Staatsanwälte tätige Kommentatoren ihre Kommentare anonym abgeben und dabei nicht selten etwas tun, das sie bei anderen als Beleidigung, Üble Nachrede oder Verleumdung verfolgen würden.

Zu einem gelungenen Diskurs gehört einer, der ein Thema anstößt; und es gehören Leser dazu, die den Faden aufnehmen und weiter diskutieren- und nicht etwa dem Autor erst einmal schreiben, was für ein blöder Hornochse mit was für einer abstrus falschen Sondermeinung er sei. Das geschieht leider völlig unabhängig von der juristischen, literarischen oder wissenschaftlichen Qualität der Blog-Beiträge, einfach so.

Vielleicht sollten sich alle Beteiligten zunächst einmal um guten Stil bemühen. Möglicherweise folgt die gesellschaftliche Akzeptanz von Blogs dann von selbst.

Eine Welt ohne Rechtsanwälte

Was wäre so eine Welt schön, hört man hier und da jemanden sagen.

Wenn der gemeine Mensch von der Straße dann aber mal ein Problem hat, geht er doch zum Rechtsanwalt, wenn auch meist nur widerwillig. Häufig geschieht das indes erst dann,
  • wenn er die Sache entweder Monate oder Jahre hat liegen lassen und bereits der Gerichtsvollzieher oder die Feldjäger vor der Tür stehen,
  • wenn er bereits selbst einige Eingaben verfasst und die Sache dadurch vollständig gegen die Wand gefahren hat. Der Rechtsanwalt hat dann zudem die Aufgabe, die Sache aufs Gleis zurückzusetzen, den Schaden zu minimieren und kann dann erst mit seiner eigentlichen Aufgabe beginnen.
Woher kommt diese Unlust bei vielen Zeitgenossen, beizeiten einen Rechtsanwalt aufzusuchen, wenn man einen braucht? Wes Toilette defekt ist, ruft doch zumeist auch ohne Umschweife einen Installateur, bei anderen Gewerken ist es kaum anders - warum wartet der durchschnittliche Mandant mit der Einschaltung eines Rechtsanwaltes, bis ihm der Abort bis zum Kinn steht oder darüber hinaus?

Gerade bei Angelegenheiten von besonderer Wichtigkeit und Dringlichkeit ziert sich der gemeine Mandant mitunter besonders lange. Und das, obwohl Rechtsanwalt gar nicht weh tut - anders als Zahnarzt oder Proktologe.

Wo mag diese selbstschädigende und irrationale Haltung gerade bei Rechtsproblemen herrühren? Warum fehlt vielen Menschen gerade in Rechtsdingen die Einsicht, dass ein Experte mit langer Ausbildung, Berufserfahrung und Zusatzqualifikation ein Problem besser lösen kann als der normale Laie? Und das Mysterium wächst weiter: Von meinem Freund dem Banker weiß ich, dass viele Kunden mit einem Rechtsproblem z. B. den Schalterbediensteten ihrer örtlichen Sparkasse um Rat fragen.

Das ist etwa so, als ob ich mit Zahnschmerzen vom Klempner Linderung erhoffte. Rationale Gründe kann das nicht haben.

Montag, 26. Juli 2010

Wer, wie, was - wieso, weshalb ...

Die Hamburger Morgenpost berichtete am Freitag über eine Verhandlung vor dem Amtsgericht. Angeklagt ist eine Hartz-IV-Empfängerin. Die soll der für sie zuständigen Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit (früher: Sozialamt) ihre Handtasche ins Gesicht geschlagen und sie dann mit Fäusten traktiert und getreten haben.

Zuvor hatte die Sachbearbeiterin der jetzt Angeklagten wohl zu erklären versucht, dass sie ihre Sozialleistung nicht sogleich und vor Ort in bar mitnehmen könnte, sondern auf die Überweisung durch das Amt warten müsste. Daraufhin sei die Angeklagte etwas nervös geworden und habe reagiert wie geschildert .

Wie die Morgenpost kolportiert, hatte der Vorsitzende Richter zu diesem Vorwurf vorrangig eine Frage an die Angeklagte; und damit hat der Richter gleich die dümmste Frage erwischt, die man überhaupt stellen kann. Die Frage lautete: "Warum haben sie das getan?"

Die Frage ist nicht nur kreuzdämlich, sondern im Grunde auch geeignet, die Besorgnis der Befangenheit zu begründen. Nicht, weil sie Täterschaft unterstellt, das geht schon in Ordnung - sondern weil ihr offenbar die Überzeugung des Richters zugrunde liegt, jeder Angeklagte müsste die Ursachen seines Handelns kennen und auch erklären können. Diese Annahme ist derart weltfremd und fern liegend, dass man von einem solchen Richter ein unparteiisches Urteil kaum mehr erwarten kann.

Es geschieht immer wieder, dass Richter von "ihren" Angeklagten geradezu verlangen , sie mögen haarklein schildern , welche inneren Gefühlsregungen sie zur Tat getrieben hätten. Dabei weiß jedes Kind, dass kaum ein Mensch schon banalste Handlungen im nachhinein nicht selbst zu erklären vermag. Manch einer bemüht jahrelang einen Psychologen, um sich seiner eigenen Motive klar zu werden. Viele Richter und Staatsanwälte scheinen gleichwohl nach wie vor einer Denkweise verhaftet, wie sie früher in eindimensionalen Krimiserien wie "Derrick" vorherrschte, wo jeder Mord entweder aus Eifersucht begangen wurde, oder um an das Erbe der Tante zu gelangen.

Vielleicht möchte der Richter in Wirklichkeit aber auch gar nichts aus der Lebenswelt seines "Kunden" hören, sondern einfach nur erreichen, dass der sich wie ein dummes Kind vorkommt, das verzweifelt nach der Antwort stammelt.

Siehe da: Es gibt nicht nur dumme Antworten. Es gibt auch dumme Fragen.




Die letzte Love Parade

Was bisher noch nicht über die Love Parade 2010 in Duisburg gesagt wurde, aber unbedingt noch gesagt werden muss,...