Donnerstag, 2. Mai 2013

Ode an den Mittelstand


Aus den Aussagen im Interview mit Uli Hoeneß - erschienen in der ZEIT vom heutigen Tage - ragt eine Aussage heraus, die auch schon verschiedentlich - z. B. hier - zitiert wurde. Diese Aussage ist ebenso erstaunlich wie bezeichnend für einen ganz bestimmten Typus, nennen wir ihn mal vereinfacht "Mittelstand".

Die Aussage lautet:

"Der Privatmensch Hoeneß hatte bis dahin doch keinen Anwalt. Ich brauchte doch nie einen. Bis zu diesem Morgen dachte ich, ich habe ein Steuerproblem, aber kein strafrechtliches Problem. Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet. Ich war mir todsicher, dass ich das irgendwie alleine hinkriege."

Der durchschnittliche Mittelständler hat einen Steuerberater, auf den er große Stücke hält - Hoeneß hatte drei - sieht aber Rechtsanwälte als etwas an, das mit seinem Leben nichts zu tun hat. Gelegentlich hört man ihn damit prahlen, dass er sein Unternehmen in dritter Generation führt, aber noch niemals etwas mit Rechtsanwälten zu tun hatte. Das sagt er nicht ohne bei dem Wort "Rechtsanwalt" die Nase zu rümpfen, als hätte er einen schlechten Geschmack im Mund.

Den Gesellschaftsvertrag? Hat der außerordentlich fähige Steuerberater gemacht. Großartiger Mann. Was der uns schon gespart hat. Der hat zwar in der Regel weder von Gesellschaftsrecht noch von Strafrecht irgendeine Ahnung, aber die wahre Qualität merkt man ja auch erst, wenn man das Vertragswerk hinterfragt. Das tut man in der Regel erst, wenn etwas schief gelaufen ist. Dann ist es in der Regel zu spät - das kriegt der Rechtsanwalt zu spüren, den man daraufhin widerwillig beauftragen musste. Unfähiger Kerl, hat uns nichts genutzt und für ein paar Schreiben hat der Tausende Euro haben wollen. Kein Wort von den Unsummen, die man all die Jahre dem Steuerberater für Tätigkeiten in den Rachen geworfen hat, für die der weder geeignet noch ausgebildet ist. Das ist in etwa so, als würde man sich vom Metzger frisieren lassen und dann dem Friseur die Schuld geben, dass der die Frisur nicht mehr retten kann.

Das Testament? Hat die Hausbank gemacht. Außerordentlich kulante Leute. Haben die umsonst nebenher gemacht. Gut, die haben als erstes Testamentsvollstreckung angeordnet und sich selbst zum Testamentsvollstrecker eingesetzt, obwohl die Vermögenssituation überschaubar ist und es einen Alleinerben geben wird. Da hat man der Hausbank dann mal eben ohne Not einen beachtlichen Teil des Nachlasses geschenkt; aber wenn man Glück hat, war das Testament ja ungültig.

Erst wenn der Mittelständler die Sache vollständig an die Wand gefahren hat, darf ein Rechtsanwalt dann die Scherben aufkehren und sich anhören, warum alles so teuer ist. Sorry, lieber so genannter Mittelstand, aber das musste mal raus.



Kommentare:

  1. früher gabs ja auch mal den Bader - mehr sog i ned

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  2. Was denn, was denn? Hat der nicht bei der Pest auch manch einem super geholfen?

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  3. Das Problem ist einfach, dass Anwälte einen grandios schlechten Ruf haben und bei einigen Anwälten ist dies sicherlich nicht zu Unrecht der Fall.

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    1. @Anonym: Mögen Sie konkretisieren, worin dieser grandios schlechte Ruf liegt? Ich kann mir das nämlich auch nach fünfzehn Jahren im Beruf noch immer nicht erklären. Gute und schlechte gibt es überall, das ist unbenommen.

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    2. Falls nicht er/sie, dann ich - selbst wenn er/sie etwas anderes im Kopf hatte. :)

      Alles was irgendwie im Zusammenhang mit Rechtsstreit steht, ist teuer! Aus meiner einen und noch sehr frischen Erfahrung mit einem Rechtsstreit habe ich die Schlussfolgerung gezogen, dass ein solcher Streit den Kosten des eigentlichen Streitwertes um ein vielfaches übersteigt. (Streitwert 250,- Euro, mit Quote 30/70 durch Vergleich 'gewonnen' [besser als 20/80 wäre auch durch Urteil nicht machbar gewesen], und an mir bleiben noch Kosten i.H.v. ca. 120 Euro kleben. Selbst bei 30/70 spare ich also bestenfalls 25% der Streitsumme. Die Gegenseite macht aber ebenfalls deutlich Minus durch die 70% Beteiligung am Rechtsstreit. Die Konsequenz: zwei Verlierer (die Streithäne) und 2 Gewinner (2 Anwälte). Das Gericht lasse ich dabei mal außen vor, weil ich unschlüssig bin, in welchem Verhältnis da der Zeitaufwand zu den Gerichtskosten steht.

      Keine Frage - Ausbildung und qualifizierte Arbeit kosten Geld und eine reine Dienstleistung lässt sich schlecht messbar darstellen. Selbst ein verlorener Prozess ist nicht zwingend auf schlechte Arbeit des Anwalts zurückzuführen sein. Doch auch wenn ich mit der Arbeit meiner Anwältin sehr zufrieden war und ihr das (für sie vermutlich allenfalls gerade so kostendeckende) RVG-Honorar gönne: 250 Euro Forderung -> 50 Euro berechtigt -> 80 Euro durch Vergleich gezahlt -> + 30% Kosten für Anwälte und Gericht. Im Ergebnis hätte ich der ... Dame ... das unberechtigt geforderte Geld geben können und hätte für ca. 50 Euro mehr 6 Monate bedeutend unbeschwerter gelebt.

      long story short: i.m.h.o. sind, sofern nicht durch Urteil ein 95%-100% Sieg zustande kommt, die Anwälte die einzigen, für die ein Rechtsstreit einen positiven Ausgang nehmen kann. Und ich glaube, dass das auch in den Köpfen vieler Leute so verbreitet ist. Ich hatte diese Gedanken jedenfalls auch schon vor meiner eigenen Geschichte.

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  4. Mein persönlicher Favorit unter den völlig irreführenden Sprüchen stammt von einer (selbsternannten) Unternehmensberaterin: "Was legen Sie denn hier jedes Wort auf die Goldwaage - ein Vertrag ist doch zum Vertragen da!"

    Da wusste ich, hier wurde Papierverschmutzung betrieben, rief ein dem Haftungsrisiko angemessenes Honorar auf und war den Auftrag glücklicherweise wieder los.

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  5. Jetzt muss ich mich heute nacht wieder wälzen.

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  6. Vielleicht hilft es der gekränkten Seele etwas, zu erkennen, dass für viele brave Mittelständler JEDER, der seinen Wert nicht direkt anhand der Bilanz beweisen kann erstmal als unnütz gilt. Der Sinn für Zusammenhänge reicht da oft gerade soweit, dass man, was man verkauft, auch herstellen muss. If you're not in production, you're overhead. 1. Collect underpants 2. ??? 3. Profit!

    Trotzdem: Der Artikel leidet vermutlich unter confirmation bias. Die guten Verträge sind ja die, die der Anwalt gar nicht erst zu Gesicht bekommt. Dann gibt es noch die Fälle, in denen der gar nicht so schlecht ist, dass man nicht noch was daraus hätte machen können, aber der mit der Rettung beauftragte (andere) Anwalt leider nicht fit genug war die Möglichkeit zu erkennen.

    Schließlich: was solls? Unsere AGB sind rechtswidrig und wurden vom Gericht kassiert. Und? Hat uns Geld gekostet. Und? Das rechnen wir jetzt erstmal schön auf gegen die 15 Jahre in denen sie uns bares Geld gespart haben, weil keiner wagte dagegen zu klagen.

    Womit wir wieder beim Fall H. wären, denn das zeigt, warum diejenige, die meinen mit dem Nachzahlen der Steuer ggf. mit Aufschlag und einer Geldstrafe müsse es doch erledigt sein, sich irren.

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  7. ...und in der Zwischenzeit hat auch Herr Hoeneß ganz genau erkannt, welche Aufgaben und Vorzüge ein Rechtsanwalt hat.

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