Donnerstag, 26. Juni 2014

Kognitive Dissonanz und Beißverhalten


Strafverteidiger kennen die Situation: In der mündlichen Hauptverhandlung sagt ein Entlastungszeuge für den eigenen Mandanten aus und keiner will davon Notiz nehmen. Während die entlastende Aussage gerade die gesamte Anklage ins Wanken bringt, schaut der Staatsanwalt nur angestrengt aus dem Fenster und der Vorsitzende Richter beginnt, imaginäre Staubkörner von seiner Robe zu sammeln. Später findet sich im Urteil von der entlastenden Aussage kein Wort.

Hier ist etwas im Spiel, dass die Sozialpsychologie "Vermeidung der kognitiven Dissonanz" nennt. Der Begriff wurde von dem Psychologen Leon Festinger geprägt und bezeichnet grob gesagt die menschliche Neigung, all diejenigen Umstände zu ignorieren, die den eigenen Überzeugungen zuwiderlaufen. Deshalb hören Richter und Staatsanwälte häufig gar nicht hin, wenn ein Entlastungszeuge spricht. Denn sie haben sich ja längst eine Überzeugung gebildet, und die möge die Verteidigung mit ihren lästigen Entlastungszeugen bitte nicht in Frage stellen.

Da die meisten Richter und Staatsanwälte aber wissen, dass von ihnen zumindest oberflächlich Neutralität gefordert ist, lassen sie auch unliebige Aussagen widerwillig über sich ergehen. Der innere Widerspruch macht sich dann häufig in den beschriebenen Übersprungshandlungen bemerkbar. Achten Sie mal darauf.

Schiedsrichter beim Fußball haben es da viel leichter. Von denen wird nicht verlangt, sich ständig in Frage zu stellen, die können sich unliebsamen Zweifel einfach durch Flucht entziehen. So wie der mexikanische Schiedsrichter, der im Vorrundenspiel Uruguay vs. Italien über die Beißattacke von Luiz Suarez zu urteilen hatte und einfach gar nichts tat.

Als das "Opfer" Giorgio Chiellini dem Schiedsrichter die beachtliche Bisswunde zeigen wollte, die Suarez ihm beigebracht hatte, entzog sich der Schiedsrichter dem auf wenig elegante Weise: Er lief einfach weg.

Derart infantile Fluchtstrategien können sich Richter nicht erlauben, wenn auch manche gelegentlich den Eindruck erwecken, sie täten es am liebsten. Dann nesteln sie aber doch wieder nur am Kragen ihrer Robe.




Kommentare:

  1. Noch deutlich schlimmer als „infantile Fluchtstrategien" sind allerdings Strafbefehle gegen Entlastungszeugen wegen angeblicher versuchter Strafvereitelung schon im Laufe des Ermittlungsverfahrens, noch bevor wegen der Haupttat die Hauptverhandlung stattgefunden hat.

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  2. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Beiträge, z.B. hier:
    http://www.decisions.ch/dissertation.html
    Das wollen aber Richter wohl nicht sehen.

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  3. Ist die kognitiven Dissonanz nicht die Vorstufe von Borniertheit, mit Wahn und Narzismus ?

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