Donnerstag, 21. Dezember 2017

Rosa langt zu



Liebe Kinder, heute machen wir mal etwas, das ihr alle noch nie in der Schule hattet und das ihr auch danach nie für beachtenswert hieltet, außer vielleicht, ihr hättet es zufällig studiert. Aber keine Angst, es ist nicht klausurrelevant. Ich spreche von Ökonomie.

Da stellen wir uns einfach mal vor, Simone möchte sich einen rosa Rasierer kaufen. Der kostet 3,50 Euro. Das ist eine Frechheit, denn auch Peter möchte sich einen Rasierer kaufen, einen blauen, der kann dasselbe und kostet bloß 2 Euro. Skandal!

Unter dem #genderpricing äußern sich derzeit im Internet und in der richtigen Welt diverse Menschen empört darüber. Friseurbesuche sind für Frauen teurer als für Männer! Lest nur  z. B. diesen wissenschaftlich äußerst fundierten Beitrag mit der Überschrift "Rosa kostet mehr" im Neuen Deutschland. (Ja, das gibt es noch.) Dienstleistungen gerade im Schönheits- und Pflegebereich kosten für Frauen mehr als für Männer. Nein! Doch! Ohh!

Aber Moment! Wer sagt eigentlich, dass Simone den rosa Rasierer kaufen muss? Warum kauft sie nicht einfach den blauen Rasierer und rasiert sich damit? Egal. Da ist schließlich immer noch die Sache mit dem Friseur. Da kann Simone ja nicht einfach behaupten, sie wäre ein Mann. Da wird sie doch nun wirklich über den Löffel barbiert!

Aber warum ist der Friseur für Simone eigentlich teurer als für Peter? Hat Peter etwa weniger Haare? Nun, das wissen wir nicht. Haben aber vielleicht alle Peters im Schnitt - verzeiht das alberne Wortspiel, liebe Kinder, bei Friseuren liegt das einfach zu nahe - haben also vielleicht die Peters durchschnittlich einfach weniger Haare als die durchschnittliche Simone? Das ist schon möglich. Aber was kann Simone dafür? Oder ist das vielleicht die völlig falsche Frage? Und was ist mit der Partnerschaftsbörse, bei der Peter dreimal so viel bezahlt wie Simone? Warum regt sich darüber niemand auf?

Liebe Kinder! Da hat ein sehr kluger und weithin unterschätzter Mann vor jetzt ziemlich genau 119 Jahren ein großartiges Buch geschrieben. Der Mann hieß Thorstein Veblen (komischer Name) und war ein US-amerikanischer Soziologe und Ökonom. Sein Buch heißt "The Theory of the Leisure Class" (Deutsch: Theorie der feinen Leute, 1899) und da beschreibt er etwas für die Wirtschaftswissenschaft der damaligen Zeit Ungeheures: Manche Menschen geben für eigentlich unsinnige Sachen viel Geld aus. Bis dahin war man nämlich weithin davon ausgegangen, dass der Mensche bei seinen Entscheidungen völlig rational handelte und nannte das auch noch "Homo Öconomicus" - als wäre das eine eigene Gattung Mensch. Obwohl das schon damals gar nicht stimmte, aber das ist eine andere Geschichte.

Der kluge Herr Veblen hat sich so ziemlich als Erster bewusst gemacht, dass der Mensch alles andere als ökonomisch ist. Stellt euch vor! Dass es nämlich einerseits Güter des täglichen Lebens gibt, andererseits aber auch so genannte Luxusgüter. Und während bei den Gütern des täglichen Lebens der objektive Bedarf den Preis bestimmt, gibt es für Luxusgüter gar keinen objektiven Bedarf. Wenn man mit dem Auto (gab es damals noch nicht, ist nur ein Beispiel) von Leipzig nach Karlsruhe fahren möchte, reicht ein Fiat Panda. Warum kaufen die Leute trotzdem einen Porsche, obwohl der genau dasselbe tut, aber das zehnfache kostet?

Das liegt daran, dass einige Sachen für einige Leute einen Wert haben, der weit über den reinen Nutzwert hinausgeht. Der Herr Veblen nannte es "Prestige", aber wir wollen hier mal nicht so etepetete sein und sagen mal ganz ehrlich: Mit dem Porsche zu fahren ist einfach viel, viel geiler als mit dem Fiat Panda. Deshalb bezahlen wir die Differenz gerne, wenn wir das Geld haben.

Der Herr Veblen hat das noch viel differenzierter dargestellt, aber für unsere Zwecke muss das hier so reichen.

Und deshalb kauft Simone den rosa Rasierer statt des blauen und bezahlt auch gerne etwas mehr beim Friseur. Aber beschweren sollte sie sich deshalb nicht.

It's the economy, Stupid!





Kommentare:

  1. Wunderbar auf den Punkt gebracht. Das tat mal wieder richtig gut :-) .

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  2. Ich will mal das Haar spalten: weniger Haare hat Peter warscheinlich nicht, aber kürzere. Außerdem vermutlich leichtere Frisurwünsche. Ich als langhaariger Mann habe schon oft das Personal zur Verzweiflung getrieben, ich sage dann meist, dass sie mir gern den Frauenpreis berechnen dürfen.

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  3. Wenn ein Mann die Haare oben etwas länger, seitlich und hinten aber kurz und die Übergänge fließend geschnitten haben will, dann macht das mindestens so viel Areit - wenn nicht mehr - als bei einer langhaarigen Frau einmal rundherum drei Zentimeter abzuschneiden. Warum die Frau dann doppelt so viel bezahlen soll wie der Mann, ist nicht nachvollziehbar, und es wird wohl auch nicht so sein, dass es Männern völlig egal ist wie sie aussehen und der Friseurbesuch nur für Frauen ein Luxus ist. Es ist halt doch nicht immer bloß die economy, stupid.

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    1. Wenn ich hier durch eine stink-normale Fußgängerzone in Beliebigstadt laufe, sehe ich bei knapp 90% aller Männer so grob übern Daumen die gleiche Topf-Frisur, die jeder mit nem Haarschneider auch selbst hinbekäme, ohne groß in den Spiegel zu schauen.

      Bei Frauen sind das eher 10%

      Daher wäre ich dir dankbar, wenn du deine Ansage hier vielleicht mal mit Beweisen unterfütterst, anstatt zu argumentieren, dass der typische Männerhaarschnitt einen professionellen Friseur/Friseuse länger als 15 Minuten beschäftigt.

      Gruß Ronny

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    2. Also zahlen 10% der Frauen mehr, nur weil sie Frauen sind und 10% der Männer zahlen weniger, nur weil sie Männer sind. Und das soll korrekt sein...weil?

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  4. Generalisierungen sollte man bei sowas eigentlich meiden. Klar, eine Frau kann einen Männerrasierer kaufen, aber wenn sie zum Friseur geht, zahlt sie trotzdem mehr, egal wie einfach die Arbeit ist.

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    1. Oder sie verklagt den Friseur wegen des Kleckerbetrags, am besten noch durch mehrere Instanzen. Dass es sittenwidrig ist, einen Preis allein am Geschlecht des Leistungsempfängers festzumachen, anstatt an objektiven Kriterien, die den Preisunterschied rechtfertigen, ist in der Rechtsprechung schon mehrfach entschieden. Ich habe die Fundstelle gerade nicht parat, erinnere mich aber noch aus dem Studium an einen Fall, in welchem eine Kampfemanze erfolgreich gegen einen traditionellen reinen Herrenfriseur (der natürlich auch generell die billigeren Herrentarife berechnete) klagte, weil er sich allein aufgrund ihres Geschlechts weigerte, sie zu bedienen, obwohl sie bereits relativ kurze Haare hatte und einen Kurzhaarschnitt haben wollte, der sich in nichts von auch von Männern häufig nachgefragten Standardfrisuren unterschied. Die Friseure sollten diese alberne Tradition endlich aufgeben und ihre Preise nach der Art der nachgefragten Schnittleistung und somit nach Aufwand staffeln.

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