Donnerstag, 14. Januar 2016

Ich und die dunkle Seite der Macht


Jüngst konnte ich mir "Star Wars - The Force awakens" ansehen. Die überschaubare Handlung lässt einem Zeit, sich so seine Gedanken zu machen über das, was einem da vorgeführt wird.

Wir befinden uns in einer fernen Vergangenheit; noch immer - oder schon wieder - herrscht die dunkle Seite der Macht. Nur so nebenbei: Würde sie nicht herrschen, wäre sie dann überhaupt noch Macht? Aber jetzt klinge ich schon wie Thomas Fischer. Also mal ganz einfach:

Irgendwann im Laufe des Films habe ich angefangen mich zu fragen, warum die so genannte "dunkle Seite der Macht" eigentlich die böse ist. Von da an habe ich genau darauf geachtet und nach Informationen gesucht, die für Bösheit auf der anderen Seite stehen könnten. Erstaunlicherweise habe ich keinerlei Hinweise gefunden. Man weiß nicht, wofür die "dunkle Seite der Macht" eigentlich steht. Sie  bringt Menschen um, aber das tun die anderen genauso. Das kann es also nicht sein. Meine Beobachtung lässt für mich daher nur einen Rückschluss zu: Bei "Star Wars" hat sich das Böse institutionalisiert und jeden Inhalt verloren.

Das ist merkwürdig, denn "böse" ist ja eine Wertung, die sich auf irgendetwas beziehen muss. Für Theoretiker: Man kann "das Böse" zwar personifizieren (Teufel), aber nicht abstrahieren, denn es ist schon ein Abstraktum. Für Philosophen: Wo das Böse keinen Bezugspunkt hat, muss es jede Bedeutung verlieren. Für Star-Wars-Fans: Ich weiß immer noch nicht, warum der komische Mann mit dem Helm der Böse ist. Und ich werde es auch den gesamten Film über nicht erfahren.

Und diese Unklarheit der Inhalte hat noch weit unwirklichere Konsequenzen: Das Böse stellt sich mir selbst als solches vor. Das ist höchst ungewöhnlich, kämpfen doch im Krieg normalerweise beide Seiten für das, was sie die gerechte Sache halten. Sei es Religion, Landbesitz oder was auch immer: Üblicherweise wähnen sich dabei beide Seiten im Recht (Licht) und den Gegner im Unrecht (Dunkelheit).

Hier nicht. Hier trifft sich der komische Mann mit dem Helm auf einer viel zu langen Hängebrücke mit dem unverkennbar guten Harrison Ford - den ödipalen Teil lassen wir mal weg - und stellt sich ihm als jetzt auf der "dunklen Seite der Macht" vor. So wie Spielführer vor dem Anführer Wimpel austauschen: "Guten Tag, hier bin ich, ich bin jetzt zum Team Finsternis gewechselt!"

Warum zum Teufel (verdammt!) sollte jemand in die Finsternis wechseln, wenn er sie nicht für Licht hält? Weil er in Wirklichkeit ein Grottenolm ist und kein Licht verträgt? Das wäre eine Erklärung, aber im Film bleibt es rätselhaft, dunkel nachgerade. (Ich klinge schon wieder wie Thomas Fischer!)

Und jetzt mal im Ernst: Dem ganzen Film liegt eine außerordentlich problematische Denkstruktur zugrunde. Und es ist sehr bedenklich, dass diese Struktur durch einen Film vollständig unreflektiert in Kinder, Jugendliche und junggebliebene Erwachsene hinein geblasen wird: Böse ist, was von irgendjemandem böse genannt wird. Es geht nicht um Inhalte, es geht um Dogmen. Es geht um In-group (wir) und Out-group (die anderen). Das ist Kultur auf niedrigster Stufe, das ist - man muss es leider so nennen - blanker Faschismus. Hier wird das Feld bereitet für hohlbratzige Ich-Überhöhung, die man willfährig auch mit Gewalt durchzusetzen bereit ist, wenn nur der Anführer laut genug schreit.

Mich hat das etwas geärgert, nachdem ich über das nachgedacht hatte, was ich da gesehen hatte.









Kommentare:

  1. Yoda: Yes, run! Yes, a Jedi's strength flows from the Force. But beware of the dark side. Anger, fear, aggression; the dark side of the Force are they. Easily they flow, quick to join you in a fight. If once you start down the dark path, forever will it dominate your destiny, consume you it will, as it did Obi-Wan's apprentice.
    Luke: Vader... Is the dark side stronger?
    Yoda: No, no, no. Quicker, easier, more seductive.
    Luke: But how am I to know the good side from the bad?
    Yoda: You will know... when you are calm, at peace, passive. A Jedi uses the Force for knowledge and defense, NEVER for attack.

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    In den Filmen - auch im neuen - wird recht gut deutlich gemacht m. E., dass die dunkle Seite diejenige ist, in der die Anhänger ihren negativen Emotionen freien Lauf lassen und die ihre Ziele erreichen versuchen, ohne dass sie darüber nachdenken, welches Leid sie verursachen; die Leid zufügen um des Leid-zufügens-willens (wie Kylo Ren, der am Anfang den alten Mann ohne mit der Wimper zu zucken und ohne dass es ihm etwas bringen kann umbringt). Wenn man die Kampfszenen genau betrachtet, sieht man auch, dass der "Dunkle" immer der Aggressive ist und der/die "Helle" der Verteidiger.

    Die Verengung auf "beide Seiten töten" übersieht m. E., dass es nicht darauf ankommt, ob man tötet, sondern aus welchem Grund. Nicht ohne Grund sind "gute" Figuren eigentlich immer diejenigen, die nicht grundlos Leben vernichten.

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  2. Reicht die zur reinen Machtdemonstration durchgeführte Vernichtung von mehreren mit Milliarden von Menschen bevölkerten Planeten nicht als Qualifikation, um als "böse" zu gelten?
    Ich glaube ich war in einem anderen Film.

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    1. So wie die Atombombenabwürfe auf das kaiserliche Japan? Bomber Harris? Warum sollten wir ausgerechnet einer Chefterroristin ... Verzeihung Rebellin glauben, dass ihr Planet nicht aktiv gegen die Regierung ... Verzeihung Das Imperium ist. Hätten die Republik die Sklaverei bekämpft oder hätten die Jedi sich nicht nur den Wunderknaben geschnappt, hätte ein gewisser jemand keinen Grund gehabt zu zürnen. http://darthsanddroids.net/episodes/0238.html

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  3. Die dunkle Seite hält sich aber doch für die gute Seite.

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  4. Es kommt wohl selten darauf an, ob jemand tötet, sondern aus welchen Beweggründen. Wenn es nur auf die Tathandlung an sich ankäme bräuchte man keine Mordmerkmale.

    Wenn man als Gut definieren will, jeden und alles zu vernichten, nur "weil man es kann", dann gute Nacht Herr Nebgen.

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    1. Und ja, auch die Guten sind in Star Wars vereinzelt böse (Han Solo) und umgekehrt (Kylo Ren).

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  5. In zwei Punkten, Herr Kollege, muss ich Ihnen recht geben: Es ist schon putzig, dass die Anhänger der "Dunklen Seite" diese Nomenklatur für sich akzeptieren. Das ist aber ein häufiges Paradox im Fantasygenre, nicht nur bei Starwars. Auch die Weißmalerei der Jedi ist nicht immer so richtig überzeugend, die sind nunmal nicht wirklich die friedlichen Schmalspurbuddisten gemäß der bereits zitieren reinen Lehre nach Yoda, sondern Elitekrieger, die sehr wohl auch aggressiv vorgehen, wenn auch sicher nicht mit gleicher Rücksichtslosigkeit wie ihre Kontrahenten.

    Absolut nicht folgen kann ich allerdings Ihrer These, dass gut und böse bei Starwars sich nur durch willkürliche, wohl gar diskriminierende Begrifflichkeiten definiere. Die Anhänger der dunklen Seite propagieren die Gewaltherrschaft des Stärksten, das Töten sowohl von Gegnern als auch von lästig gewordenen Verbündeten wird nach der Lehre der Sith bereits dadurch gerechtfertigt, dass das Opfer inkompetent genug war, sich töten zu lassen (natürliche Auslese quasi, was bei den Sith soweit geht, dass die Ermordung des eigenen Lehrmeisters fast schon die obligatorische Meisterprüfung ist. Oder die Ermordung des bisherigen Schülers die Aufnahmeprüfung für den neuen Kandidaten, siehe Count Doku / Vader und Vader / Luke). Die dunkle Seite festigt ihre Macht durch Terror und begeht abscheuliche Kriegsverbrechen (Stichwort: Zerstörung eines dicht bevölkerten, militärisch unbedeutenden Planeten als bloße Machtdemonstration). Ich denke nicht, dass die "helle Seite" hier grundlos diskriminieren würde oder für ihren gewaltsamen Widerstand ein tiefgreifendes Rechtfertigungsproblem hätte (letzteres allenfalls auf der Grundlage kompromisslos pazifistischer Philosophien, die Gewalt unter keinen Umständen für gerechtfertigt halten.) Dass auch die Rebellen nicht alle makellose Lichtgestalten sind und wo gehobelt wird auch ein paar hässliche Späne fallen, ist ein anderes Thema.

    Übrigens glaube ich auch nicht, dass sich im richtigen Leben alle "Bösen" notwendig für gut halten. Glauben Sie denn, jeder Diktator, jeder Mafiaboss und jeder Serienkiller sei davon überzeugt, dass er das moralisch richtige tue?

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  6. Mit Verlaub, keine sehr frühe Erkenntnis,
    vgl. etwa Googlesuche: Obi-Wan jerk

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  7. Schon im frühen Star Trek gibt es eine Episode, in der Außerirdische Gut und Böse gegeneinander kämpfen lassen und sich dann über den mangelnden Erkenntniswert beschweren, weil die Guten zwar gewinnen, aber dieselben Methoden anwenden, wie die Bösen https://www.startrek-index.de/tv/tos/tos3_22.htm

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